Die
Deutsche Übersetzung von Blane's Dilution Artikel
http://blane-parkour.blogspot.com/2007/04/dilution.html
Übersetzung:
Patrick Lehnen
An dieser
Stelle ein dickes Dankeschön an Malte für das Korrekturlesen und den Webspace
:)
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Auswaschung
a) Ein
Vorgang bei dem etwas abgeschwächt oder die Konzentration verringert wird
b) Ein
gemildeter oder abgeschwächter Zustand
c) Eine
verdünnte Substanz
Ich habe
jetzt schon seit längerer Zeit nichts mehr geschrieben, weil ich sehr mit
meinen Gedanken beschäftigt war und ich fühle mich jetzt gerade bereit, das, was
bei meinen Überlegungen herausgekommen ist, mit anderen zu teilen. Dieser Eintrag könnte dir nicht
gefallen, vielleicht sieht es so aus, als ob er an dich gerichtet ist und
vielleicht ist er das sogar.
Ich kann
damit Leben, nicht mehr gemocht zu werden, weil ich die Wahrheit sage, aber ich
kann nicht mit dieser Meinung
weiterleben ohne sie mit anderen Leuten geteilt zu haben. Ich weiß, das ich
nicht der einzige bin, der folgendes denkt, aber ich fühle, das es wichtig ist,
dies zu verbreiten und wenn es auch nur die Denkweise einer einzigen Person
ändert! Ich schreibe das hier vor allem für einen meiner Freunde, mit dem ich
jetzt schon seit längerer Zeit nicht mehr trainiert habe. Ein Freund, der ein
bischen unmotiviert ist, ein bischen distanziert, ein bischen darüber besorgt,
dass er nicht so gut ist wie andere Leute. Das ist für ihn und alle anderen
Menschen, die sich entmutigt fühlen, weil um sie herum Leute Sachen machen, die
er sich nicht traut... und ich ich schreibe dies für die Neuzugänge im Parkour.
Gestern
war mein 1300. Tag, an dem ich Parkour trainiere. Ich glaube nicht besonders an
diese Jubiläen, aber an diesem Tag haben sich die Gedanken von 2 Wochen
zusammengetan und haben sich in meinem
Kopf verfestigt.
Ich fing
vor 1301 Tagen mit meinem Training an, am 10 September 2003, der Tag nach dem
„Jump London“ zum ersten mal auf Channel 4 ausgestrahlt wurde. Es ist
unglaublich wie stark sich mein Leben seitdem verändert hat.
Ich
erinnere mich noch genau an mein erstes Training vor 185 Wochen und 6 Tagen.
Ich trainierte mit einem guten Freund zu dieser Zeit, Tom, und wir waren beide
so begeistert, während wir „Jump London“ guckten, dass wir direkt anfangen
wollten zu trainineren / mit dem Training beginnen wollten. Ich weiß noch wie
ich ein paar Vaults und ein paar kleinere Sprünge durch eine sich bewegende
Schaukel gemacht habe. Ich erinnere mich noch an das erste mal wo ich richtige
Angst spürte, als ich das Dach eines hiesigen Sport-Clubs runtersprang und mich
auf dem Gras abrollte. Es war erschreckend in diesem Moment und ich glaube, es
waren ungefähr 12 Fuß Höhe.
Ich habe
das gemacht, weil ich glaubte, dass das Parkour war! Von hohen Sachen
runterspringen und am nächsten Tag die Geschichten erzählen. Oh, wie wir uns
weiterentwickelt haben seit dieser Zeit... aber haben wir das wirklich?
Wie die
meisten Leute dir sagen werden, die ersten Tage nach deiner ersten Session sind
die Hölle. Wer erinnert sich nicht an diese unaussprechlichen Schmerzen,
während man Treppen geht, nach dem ersten richtig harten Training? Ich weiß
noch, dass sich meine Waden während der nächsten 2 Wochen angefühlt haben, als
ob eine Meute verärgerter Gangster mit Baseball-Schlägern auf sie eingeschlagen
haben.
Heutzutage
aber gibt es eine breite Fülle an Informationen, für Leute, die mit Parkour
anfangen wollen, die ich damals nicht hatte, als ich mit meinem Training
begann. Das meiste was wir probierten war „Trial and Error“ mit einer großen
Dosis des letzteren. Aber neben den Vorzügen, aus den Erfahrungen von guten Traceuren
zu lernen, frage ich mich, ob dies nicht
doch Konsequenzen hat.
Ich
verstehe, wie schwierig es für David Belle und all die anderen Traceure der
ersten Stunde aus Lisses sein musste, als sie dieses Wagnis vor über 15 Jahren
eingingen, ohne zu wissen was sie da taten oder wohin dies führen würde.
Sie
gruben langsam einen Weg in eine neue Richtung und erleuchteten den Weg für die
nachkommenden Traceure. Es dauerte viele Jahre, die meisten Grundbewegungen zu
erschaffen und sie so zu verfeinern, dass man nur eine handvoll Bewegungen
braucht, um fast jedes Hindernis zu überwinden. Eine epische Reise, die ein
heutiger Traceur umgehen kann. Vor allem wenn man überlegt, dass man heute 10
neue Techniken in 2 Monaten lernt, wofür man damals in Lisses vielleicht 5
Jahre brauchte.
Das
heißsst wenn wir uns weiterhin in dieser Geschwindigkeit entwickeln,
Fortschritte machen und lernen, werden wir sicherlich zu ihnen in der
Entfernung aufschließen, um mit zu graben, um ihnen zu helfen den Weg zu
erleuchten, nicht wahr?
Nein, das
glaube ich nicht!
Ich
glaube dass wir uns auf dem gleichen Pfad
so schnell auf sie zu bewegen, das uns der Sprit ausgeht bevor wir sie
erreichen. Vielleicht drehen sie sich um zu uns, sehen uns in der Weite und
hoffen, dass wir sie erreichen, um diese Disziplin weiter zu verbreiten. Aber
ich bezweifle das viele Leute der folgenden Generationen sie jemals erreichen
werden.
Um
Stephane Vigroux zu zitieren, „Ich glaube für viele Menschen muss es
persönlicher werden... jeder bewegt sich... und ich freue mich für sie... aber
es ist zu schnell, zu leicht, zu viel show... einfach zu viel.“
Es gibt
Leute die weniger als ein Jahr trainieren, die größere und weitere Sprünge
machen als die jenigen, die 4 Jahre dabei sind und ich glaube das dies
größtenteils an der breiten Masse an Informationen liegt, die zur Zeit
verfügbar sind. Das hört sich im Prinzip gut an, dass die kommenden
Generationen keinen „Trial and Error“ Prozess durchmachen müssen, um ein gutes
Level in Parkour zu erreichen. Aber ich bin besorgt!
Ich
glaube, dass das „Trial and Error“ Prinzip die Ur-Traceure von Lisses einiges
über sie selbst gelehrt hat und sie mit der entsprechenden Kreativität, Passion
und Mut ausgestattet hat, welche heutzutage vergessen ist und immer mehr von
dem theoretischen Lernen ersetzt wird.
Ich glaube auch nicht nur, dass ihre mentale und physische Stärke weit
hinter meiner liegt, ich glaube auch, dass sich dies in den folgenden
Generationen immer weiter „auswaschen“
(Dilution) wird. Heute haben die Leute Listen der Bewegungen zum abhaken und
lernen, um zu den nächsten Bewegungen zu kommen, etwas größeres, etwas noch
beeindruckenderes.
Der beste
Weg um in der jetzigen Parkour Gemeinschaft Respekt zu erlangen, ist scheinbar,
den größten Sprung mit der kleinsten Menge an Training zu machen. So lange man
es macht, ist es egal, wie schlecht ausgeführt er ist, wie langsam der climb-up
war, wie präzise die Landung war oder wie viel Schaden sich die Person dabei
zugefügt hat. Jeder sagt das „X“ den Sprung „Y“ gemacht hat, also muss er
besser als „Z“ sein denn er trainiert erst seid „W“ Monaten! Diese Einstellung
kann schnell nach hinten losgehen. Zur Zeit fühle ich, dass dies die wahre
Natur von Parkour zerstört hat. Man macht die Sprünge, um von anderen Leuten
beachtet zu werden, und dies ist hart für jemanden, der wirklich an sich
arbeitet und stetig Fortschritte macht, wenn er soetwas um sich herum sieht. Er
fühlt sich unter Druck gesetzt und dass ist nicht seine Schuld!
Für mich
ist Parkour ein langer und ausdauernder Weg – und keine kurze, epische
Schlacht.
Ich mache
mir nicht nur Sorgen um die mentalen Fortschritte und die Kreativität, welche
von Anfängern vernachlässigt wird. Ich mache mir auch Sorgen um die physischen
Schäden, die dieser theoretische Fortschritt verursachen wird.
Wie ich,
haben vielleicht einige von euch Erinnerungen an einen Grossvater, welcher der
einzige in der Familie war, der zur Essenszeit, trotz seines betagten Alters,
die Glas-Konserven öffnen konnte. Diese „Kraft des Großvaters“ ist kein
Mysterium – es ist das Ergebnis von 60 Jahren Arbeit, eine Stärke, die aus
wiederholtem Benutzen der Muskeln über Jahre hinweg erschaffen wurde.
Ich frage
mich, ob die zur Verfügung stehenden Abkürzungen den heutigen Ausübenden nicht
die unersetzliche Muskelentwicklung raubt, die die Traceure aus Lisses haben,
diese tief verwurzelten neurologischen Pfade und das riesige Muskelgedächtniss,
welches kein Buch, Artikel oder gesprochenes Wort ihnen jemals geben könnte.
Die „Kraft des Großvaters“
Wir
wissen alle das man seinen Körper von Anfang an stärken kann und das dieses
Training einem bei den technischen Fertigkeiten hilft, aber trotz allem merke
ich das manche sich zu schnell weiterentwickeln. Ich sehe regelmässig Sachen,
welche von neueren Traceuren gemacht werden,Sachen die sich vorher noch keiner
von den Erfahreneren Leuten getraut hat, und manchmal haben die Erfahreneren
ein schlechtes Gefühl dabei wenn sie es tuen... Oftmals hinterfragen sie dann
ihr Training und wundern sich warum jeder besser zu sein scheint als sie
selbst.
Es kamen
Leute zu mir, nahezu deprimiert über ihr Training, welche nach Rat suchten und
mich fragten was falsch gelaufen sei, oder was die neueren Jungs hatten und sie
nicht. Die Antwort, die ich diesen Leuten gab, war einfach. Die Neuen machen
die mega Sprünge, die beeindruckenden Techniken, die großen, die harten, die
langen, die weiten Sprünge etc. Aber sie haben einen Docht angezündet, der sie
Jahre vorher ausbrennt als ihnen lieb ist. Und zwar ganz einfach darum, weil
sie noch nicht für diese Belastung bereit sind. Es ist nicht nur eine Frage der
Knie! Was ist zum Beispiel mit dem Schaden den man den Schultern zufügt, wenn
man hohe Drops von Ast zu Ast macht? Was ist mit ihren Ellbögen?
Was wird
der Langzeit-Effekt davon sein?
Was wird
der Langzeit-Effekt eines 12 Fuß Armsprung sein, wenn die Schultern nicht
10,000 kleinere erfahren haben?
Was wird
der Langzeit-Effekt von 15 Fuß Drops zu Beton sein,
wenn die
Füße nicht 10,000 5 Fuß Drops gespürt haben?
Die Zeit
wird’s zeigen.
Guck' dir
die besten Traceure der Welt an. Geh nach Lisses und schau ihnen zu, sprich mit
ihnen, trainiere mit ihnen und vor allem: lerne von ihnen! Sie sind nicht die Besten,
weil sie genetisch dazu veranlagt sind, oder weil sie verrückt danach waren
neue Sachen auszuprobieren als sie jünger waren. Sie sind auch nicht die Besten
und die Stärksten, weil sie sich schnell weiterentwickelt haben. Sie sind die
Besten und die Stärksten, weil sie sich stetig weiterentwickelt haben. Sie
haben Lage für Lage auf ihre Rüstung, ihren Körper, gelegt, Jahr für Jahr,
durch tausendfaches wiederholen. Sie haben diese tief verwurzelte „Kraft des
Großvaters“, diese Belastbarkeit und Resistenz gegenüber Verletzungen, welche
aus dem stetigen Fortschritt resultiert.
Einige
Interviews fragten David nach Verletzungen , aber David schüttelte immer mit
dem Kopf und sagte, seinen Knien geht es gut, seine Arme seien in Ordnung und
er hat auch sonst keine Schmerzen. Das sagt er
nach 18 Jahren Training. Im Gegensatz zu heute, in denen wir Leute mit
weniger als einem Jahr Training haben, die Monate wegen ihren Knien aussetzen
müssen, oder wegen ihrer ausgekugelten Schulter oder wegen einer
Sehnenentzündung...
Chirurgische
Eingriffe um den Körper zu reparieren, bevor man 20 Jahre alt ist. Ist das ein
Zufall? Oder liegt es daran das wir uns zu hart und zu schnell puschen, um der
beste zu sein und uns mit anderen zu vergleichen?
Parkour
ist eine individuelle Reise, und dazu eine, welche harte Arbeit vorraussetzt.
Es gibt keine Abkürzungen und keine schnellen Hilfen. Wenn du „to be and to
last“ sein willst, dann schlage ich vor, du schaust dir dein Training genau an
und fragst dich ob du dies nur zum Spass machst, nur für ein paar Jahre, bis du
dich niederlassen kannst, dir einen Job suchst, heiratest, Kinder kriegst, um
dann mit Parkour aufzuhören. Wenn das so ist dann mach was du willst, mache die
beeindruckenden Sprünge, mache alles was du willst und schaue nicht zurück. Sei
dir aber dessen bewusst, dass du einen Einfluss auf die anderen hast, welche
hart an sich arbeiten, um stark zu werden. Versuche dir dies im Gedächtnis zu
halten, wenn du sagst „Ich hab's gemacht... warum du nicht auch?“
Aber wenn
du wirklich deinen Körper disziplinieren willst, stark werden willst, um in
Parkour bestehen zu können, dann darfst du dich nicht mit anderen vergleichen.
Es kann verlockend sein, etwas über deinem Level zu machen, wenn es weniger
Erfahrenere vormachen. Sei der/die stärkere Mann/Frau und begreife, dass sie
sich damit selbst Schaden zufügen. Sei stolz darauf zu wissen, dass du dich
nicht dem Gruppenzwang untergeordnet hast. In 10 Jahren, wenn sie mit Krücken
rumlaufen, wirst du den Sprung einhundert mal machen, ohne einen Tropfen
Schweiss dabei zu vergeuden.
Ich bin
mir nicht sicher, wie wir den zukünftigen Generationen und dem zukünftigen
Parkour helfen können. Wenn wir sie mit unserer Erfahrung versorgen, können wir
sie auf einiges vorbereiten, aber dies sollte kein Ersatz für das „Trial and
Error“ Prinzip werden, weil wir sonst nur Klone unserer Lehrer wären. Es muss
ein Element des „Trial and Error“ Prinzips sowie ein erforschendes Element
erhalten bleiben. Es muss erlaubt sein, in seiner eigenen Zeit voranzukommen,
ohne dieses Druck-Gefühl zu verspüren. Es ist eines meiner persönlichen Ziele,
Leuten zu helfen, die diesen Druck spüren, wenn sie etwas tuen, was sie
eigentlich nicht wollen. Es wäre super wenn sich manche, die sich das hier
durchlesen, die Zeit nehmen könnten um es mir gleich zu tun.
Um die
zwei Punkte in dem obigen Artikel zusammenzufassen:
1) Wenn
du neu bist in Parkour, versuche so viel wie möglich selbst herauszufinden und
lerne von denen, die diesen Weg bereits vor dir begangen haben. Aber verliere nie
deine Kreativität und die Fähigkeit, für dich selbst nachzudenken. Probiere
neue Sachen aus, entdecke unterschiedliche Methoden und entwickele dich in
deiner eigenen Geschwindigkeit. Woran du dich erinnern musst, ist, dass
diejenigen vor dir mehr physische Erfahrung haben. Und vor allem besitzen sie
das, was ich vorher als „Kraft des
Großvaters“ beschrieben habe. Diese Stärke kann nicht weitergegeben oder
gelehrt werden. Man kann durch die Theorie rasen, aber man darf keine Abkürzungen
bei der praktischen Seite nehmen, wenn man in dieser Disziplin bestehen will.
2) Wenn
du bereits Erfahrung in Parkour gesammelt hast und du fühlst das neuere Leute
besser sind als du, dann fühle dich nicht unter Druck gesetzt, dich zu hart zu puschen.
Mache keine Sachen, nur weil die anderen sie machen! Versuche sie vor den
Gefahren zu warnen, wenn sie Sprünge machen, die über ihrem Level liegen. Selbst
wenn sie die Sprünge tuen können, heisst das nicht, dass sie diese Sprünge auch
machen sollten!
Sie
lernen schneller wegen dem Reichtum an Informationen, wegen deiner harten Arbeit!
Wenn du dich um die Zukunft von Parkour kümmern willst, dann ist es deine Aufgabe,
ihnen zu helfen, damit sie angemessene Fortschritte machen, wenn du glaubst
dass sie sich zu schnell entwickeln. Wenn wir das nicht tun, dann wird Parkour
langsam aussterben, weil die Ausübenden immer schwächer und schwächer werden.
Zum Beispiel durch Verletzungen, Übertraining und Gelenkverschleiss.
Wirst du
dazu beitragen, dass sich Parkour und seine neuen Traceure auswäscht
(Dilution), oder wirst du helfen es zu konzentrieren und zu stärken?
„Geh'
sanften Schrittes, denn Du gehst auf meinen Träumen.“ - William Butler Yeats
- Blane